Upgefahren - CILO Trail-Logbuch #07

Morgens Gletscher, mittags Palmen: Von Pontresina nach Poschiavo

Fotos: Markus Greber

42 Kilometer, zwei Klimazonen, ein Tag. Morgens stehen wir auf 2.600 Metern vor einem kalbenden Gletscher, mittags trinken wir Espresso unter Palmen. Dazwischen liegt eine der schönsten E-MTB-Strecken der Alpen: historische Heupfade, die entlang der legendären Berninabahn vom ewigen Eis hinunter ins mediterrane Valposchiavo führen. Kein künstlich angelegter Trail, sondern ehrliche Wege, die der Topografie folgen. Genau so, wie wir es mögen.

Biken am Berninapass, im Hintergrund: das Bernina Massiv

Vom Gletscher zu den Palmen

Pontresina, 5:30 Uhr. Dunkelheit. Das Tiefgaragentor des Hotel Palü fällt hinter uns ins Schloss. Der Mond legt sein Licht auf das Bernina-Massiv. Die weißen Bergflanken des Gletschers glänzen silbern.

Staunend stehen wir da: Lilly, Markus, Pirmin und ich, die Bikes in der Hand, und schauen nach oben. Alpinisten nennen diese Seite des Massivs den Festsaal der Alpen. Bei diesem Anblick verstehen wir die Metapher. Mitten im Festsaal zieht sich die Zunge des Morteratsch-Gletschers durchs Tal nach oben. Gewaltig wirkt sie, selbst von hier unten. Den Gipfel sehen wir noch nicht. Was wir auch noch nicht sehen, ist die Geschichte hinter diesem Naturwunder.

Uphill durch goldgelben Lärchenwald im Engadiner Indian Summer

Seit 1878 hat sich der Gletscher rund 2.600 Meter zurückgezogen, im Schnitt etwa 17 Meter pro Jahr. 2015 verlor er in einem einzigen Sommer über 160 Meter. Wo 1857 noch Eis lag, hält heute die Bahn an der Station Morteratsch.

Vor wenigen Wochen legte das schmelzende Eis hier einen uralten Wurzelstock frei: eine Lärche, rund 10.000 Jahre alt. Damals wuchs hier Wald. Dann kam die Kälte zurück, das Eis schob sich über den Baum und konservierte ihn. Jetzt gibt der Klimawandel ihn wieder frei.

Wir rollen entlang der Gleise der Berninabahn, die zwischen Chur und Tirano pendelt. Pirmin fährt das Tanay HC, ich das Kyano HC. Beides starke E-Mountainbikes, die CILO für genau solche Touren entwickelt hat: fokussiert auf das Wesentliche, gebaut, um die Zeit zu überdauern. Wie Zeitmaschinen für intensive Trail-Erlebnisse.

Dank der aufrechten Sitzposition sitzen wir mittig im Bike und können so auch steile Uphills mit spielerischer Leichtigkeit meistern. Genau das Richtige für den Uphill-Trail, der uns in Richtung Berninapass führt.

Naturtrails mit Flow-Garantie: selbst bergauf

Das Heu-Tal

Kurz vor dem Pass biegen wir links ab, hinein ins Val da Fain. Auf Deutsch: das Heu-Tal.

Das schmale Tal trägt uns fast 1.000 Höhenmeter nach oben, erst über Schotter, dann über schmale Pfade. Früher zogen Bauern hier ihr Heu auf Holzschlitten ins Tal, später brachten Schmuggler ihren Waren über diesen Pfad von Italien in die Schweiz. Heute rollen wir mit unseren Bikes auf diesen historischen Pfaden.

Hier folgt der Trail der Logik des Geländes. Keine künstlichen Anlieger, keine gebauten Wellen. Ehrliche Trails, wie wir sie lieben. Diese Trails sind förmlich gewachsen, nicht von Trailshapern künstlich gebaut.

Transfer-Trail vom Fuorcla Livigno zum Berninapass

Um 8:30 Uhr erreichen wir den Passo del Fieón auf 2.465 Metern. Die Sonne trifft uns zum ersten Mal an diesem Tag. Wir bleiben nicht lange, der Tag ist noch jung, der Weg noch weit.

Vom Sattel stürzen wir uns in die erste Abfahrt. Ein anspruchsvoller Singletrail: eng und verblockt, aber auf seine Art lebendig. Unten wartet die Passhöhe des Fuorcla Livigno. Wir biegen wieder in Richtung Schweiz ab und folgen dem Trail in Richtung Berninapass. Ein kleiner Bergsee spiegelt das Bernina Massiv, die Gipfel stehen Kopf im Wasser.

Atemberaubend – die Berge scheinen Kopf zu stehen

Wenn Gletscher Felsen schleifen

Am Berninapass spuckt uns der Trail direkt beim Ospizio Bernina aus. Endlich, wir bestellen den ersten Kaffee.

Bevor wir weiterziehen, spielen wir am Rande des Lago Bianco mit den Felsformationen, die das Eis vor Jahrtausenden hier hinterlassen hat. Ganze Felsplatten hat der Gletscher rund geschliffen, glatt wie Marmor. Damals lag das Eis hier über 100 Meter dick.

Uphill Challenge – die glatten Felsen sind eine Spielweise um an der Uphill-Fahrtechnik zu feilen

Wir versuchen, die steilen Felsen hochzufahren. Pirmins Tanay HC mit 140 Millimetern Federweg und längerem Hinterbau hält das Vorderrad ruhiger am Boden. Mein Kyano HC mit 170 Millimetern und kompakterem Hinterbau reagiert direkter, was bergab ein Geschenk ist, aber bergauf eine klare Gewichtsverlagerung verlangt.

Beide Bikes teilen die CILO DNA: das charakteristische Loch im tiefgezogenen Oberrohr für niedrigen Überstand, das kurze Sitzrohr für lange Teleskopsattelstützen. Das schenkt uns Bewegungsfreiheit und gibt Sicherheit für Spielereien.

Zehntausend Jahre Erdgeschichte liegen unter unseren Reifen, während wir unsere Linie darüber suchen.

Das tiefgezogene Oberrohr der CILO Bikes mitsamt ikonischem Ausschnitt über dem Dämpfer

Wie Wildpferde neben dem Bernina Express

Was macht diese Strecke eigentlich so besonders? Es ist das Gefühl, neben den Waggons des Bernina Express entlang zu jagen wie eine Herde Wildpferde in einem Wild-West-Film.

Die roten Waggons ziehen durch die Serpentinen, die Gleise schneiden Linien in die Landschaft. Wir gleiten parallel dazu über Trails, die älter sind als der sanfte Tourismus, der die Region heute prägt.

Wie wilde Mustangs in freier Wildbahn

1908 eröffneten Schweizer Ingenieure die Berninabahn, zahnradlos über den höchsten Alpenpass Europas. 55 Tunnel, 196 Brücken. Sie legten die Strecke bewusst so, dass Reisende den Morteratsch-Gletscher, den Piz Palü, die Montebello-Kurve und den Lago Bianco sehen konnten. Inszeniert, ja, aber trotzdem echt. Schweizer Ingenieurskunst, die bis heute Bestand hat.

Wir fahren auf historischen Wegen: Schmugglerpfade und Säumerwege, die nie künstlich angelegt wurden, sondern einfach eingetreten wurden. Und heute wieder freigelegt und behutsam nutzbar gemacht worden sind. Das ist Trail-Recycling in seiner ehrlichsten Form: die Essentials freizulegen, statt Neues zu erfinden.

Natürliche Gegebenheiten werden zum Spielplatz

Die Pause auf 2.091 Metern

Alp Grüm, 11 Uhr.

Wir stehen auf der Terrasse des Restaurants. Vor uns ragt der Piz Palü mit knapp 3.900 Metern auf, während sich der Palü-Gletscher langsam ins Tal schiebt. Wasserfälle stürzen über die Felsstufen hinab.

Dann hören wir es: ein dumpfes Donnern. Der Gletscher kalbt. Eis bricht ab, stürzt in die Tiefe, zerschellt. Dann wieder Stille. Nur der Wind, nur unser Atem.

Hierher führt keine Straße, nur die Bahn. Zwischen 20 Uhr abends und 8 Uhr morgens fährt kein Zug, dann gehört dieser Ort ganz der Stille. Zehn Zimmer, ein Restaurant, sonst nichts. Wer hier übernachtet, ist komplett von der Welt abgeschnitten.

1951 riss eine Lawine einen Spurpflug und einen Triebwagen in die Tiefe, der Bahnmeister starb dabei. Den Triebwagen konnte man erst im Frühjahr bergen. Geschichte liegt hier nicht im Museum, sie klebt an den Hängen.

Wir trinken unseren Kaffee. Schweiß auf der Stirn, Sonne im Gesicht. Der Blick reicht über das Valposchiavo bis hinüber zu den Bergamasker Alpen. 1.000 Meter tiefer liegt Poschiavo.

Das ist es. Genau dafür sind wir hier.

Das E-Mountainbike ist an diesem Ort kein Sportgerät, sondern ein Möglichmacher. Es bringt uns herauf, ohne uns leer zu fahren, und lässt genug Raum für genau diesen Moment. CILO hat diese Bikes nicht für Rekorde gebaut, sondern für genau diese Pausen: erschöpft genug, um den Moment wirklich zu spüren, aber erholt genug, um ihn vollständig aufzunehmen.

Ein Möglichmacher für unvergessliche Erlebnisse

Hinunter in den Süden

Die Abfahrt nach Poschiavo beginnt technisch und steil. Ab Alp Grüm wird sie schneller, fließender, und mit jedem Höhenmeter verändert sich die Landschaft um uns herum.

Oben dominierten noch Gletscher, Fels und Kälte. Unten wird es plötzlich weich, die Luft riecht nach Erde und Harz. Es ist deutlich wärmer als nördlich des Passes. Hier spricht man Italienisch, auf der Piazza stehen Palmen.

Jetzt spielt das Kyano HC seine Stärken aus: der kompakte Hinterbau, das Mullet-Setup, die 170 Millimeter Federweg. Das Bike gleitet über den Trail wie ein fliegender Teppich. Es geht durch die Kurven wie auf Schienen – genau wie die Berninabahn neben uns. Pirmin auf dem Tanay HC fährt ruhiger – er lässt sich vom Bike nach unten tragen.

Zwei unterschiedliche Bikes für zwei unterschiedliche Fahrstile, aber beide teilen die gleiche CILO Philosophie: auf das Wesentliche fokussiert, ohne Spielereien, mit Schweizer Präzision gebaut.

Singletrails surfen at its best

Un grande gelato

In Poschiavo angekommen setzen wir uns ins Bio Bistro Semadeni. „Un grande gelato.“ Das Adrenalin sitzt noch im Körper, die Hände kribbeln leicht.

Wir lehnen uns zurück, die Bikes stehen an der Wand, Sonne im Gesicht. Von den Gletschern zu den Palmen: der Bernina Express schafft die Strecke in knapp 45 Minuten. Wir waren schneller. Umso mehr freuen wir uns, die Strecke später in die andere Richtung aus dem Fenster des Waggons zu erleben.

Lilly scrollt durch ihre Fotos. Markus bestellt einen Espresso. Pirmin checkt seine Strava-Daten. Ich schaue auf die Bikes an der Wand.

Das Tanay HC und das Kyano HC: beide tragen das CILO Logo, beide verkörpern die gleiche Idee. Explorer sein, nicht Sammler. Trails fahren, nicht zählen. Momente erleben, nicht posten.

Das ist die CILO DNA. Seit 1927, seit Hugo Koblet, seit Beat Breu und natürlich seit Philippe Perakis' legendärem Sieg beim Mammoth Kamikaze 1991. Von der Straße zum Trail, von den Schweizer Alpen in die Welt, immer mit dem gleichen Anspruch: Qualität, die bleibt.

CILO Spirit – Embrace, But Race

Serpentine für Serpentine zurück zum Pass

Mit den Bahntickets in der Tasche geht es zurück nach Pontresina: erst mit der Bahn, dann mit den Bikes. Am Bahnhof in Poschiavo steigen wir in die Rhätische Bahn. Wir verladen die Bikes, setzen uns ans Fenster und schauen auf die Linie, die wir eben noch selbst gezogen haben. Serpentine für Serpentine schlängelt sich der Zug den Berghinauf. Oben am Pass verschwinden die Gleise langsam im Abendlicht.

Wir lächeln.

Gesichter sagen mehr als tausend Worte

Die Strecke zum Nachfahren – GPX-Track:

Die Fakten

  • Strecke: Pontresina – Val da Fain – Passo del Fieón – Berninapass – Alp Grüm – Poschiavo
  • Distanz: ca. 42 km
  • Höhenmeter: 1.200 hm bergauf, 1.500 hm bergab
  • Schwierigkeit: S1–S2 (fahrtechnisch moderat, konditionell anspruchsvoll)
  • Bikes: CILO Tanay HC (All Mountain, 140mm, Shimano EP801), CILO Kyano HC (Enduro, 160mm, Shimano EP801)
  • Rückfahrt: Rhätische Bahn Poschiavo – Pontresina (Bike-Ticket erforderlich)
  • Einkehr: Ospizio Bernina, Alp Grüm, Bio Bistro Semadeni (Poschiavo)
  • Nutzungsszenario: Wochenend-Ausflug (Kurztripp ins Oberengadin mit Hotelaufenthalt im Hotel Palü)
13.02.2026
Text: Maxi Dickerhoff
Fotos: Markus Greber