Lenzerheide: Wo Bikepark auf Bergwelt trifft

Auf 1.476 Metern, im Herzen Graubündens, liegt Lenzerheide. Keine versteckte Perle, kein Geheimtipp. Lenzerheide ist die Bike-Destination schlechthin.

Fotos: Bengt Stiller, Markus Greber

Weltcups werden hier gefahren und Weltmeisterschaften ausgetragen. Fünf Bikepark-Strecken ziehen Biker aus der ganzen Welt an. Aber wer glaubt, Lenzerheide sei nur Bikepark, kennt die Hälfte nicht.

Zwischen dem Parpaner Rothorn im Osten und dem Piz Scalottas im Westen erstreckt sich ein Trail-Netzwerk, das weit über die fünf geshaped Lines hinausgeht. Von der Steinwüste am Parpaner Weisshorn über flowige Westside-Trails bis zum glitzernden Heidsee im Tal. Lenzerheide ist Bikepark und Bergwelt, Weltcup-Strecke und Naturtrail, Liftunterstützt und hochalpin. Für E-Mountainbiker bedeutet das: maximale Vielfalt, minimale Grenzen.

Atemberaubender Weitblick.

Der Bikepark: Fünf Lines, fünf Charaktere

Der Bike Kingdom Park in Lenzerheide ist das, wofür die Region bekannt ist. Fünf Strecken, alle verschieden im Charakter, alle verschieden in der Schwierigkeit. Von blau bis schwarz, von Flow bis Weltcup.

Die FLOWline ist der Einstieg. Blau eingestuft, 2,6 Kilometer lang, für alle fahrbar. Flowige Kurven, kleine Sprünge, geschmeidige Übergänge. Perfekt, um sich einzufahren, perfekt für Familien, perfekt für alle, die einfach nur gleiten wollen. Die Strecke verzeiht Fehler und belohnt Geschwindigkeit.

Die PRIMEline und SHOREline kreuzen sich mehrfach, was es möglich macht, eigene Linien zu kombinieren. Rot eingestuft, technisch anspruchsvoller, mit Wurzelpassagen, North-Shore-Elementen, schnellen Übergängen. Hier beginnt der Spaß für fortgeschrittene Biker. Die Strecken fordern Aufmerksamkeit, geben aber Flow zurück.

Die STYLEline ist schwarz. Drops, Tables, Step-downs, alles da. Wer hier fährt, will spielen. Die Strecke bietet optionale Linien, man kann sie flowig fahren oder mit Airtime verzieren. Jeder Fahrer findet seine eigene Interpretation.

Und dann gibt es die STRAIGHTline. Die Weltcup-Strecke. Schwarz, schnell, stunt-gespickt. Was im Fernsehen klein aussieht, ist vor Ort riesig. Gaps, die einem den Atem rauben, Anlieger, die Mut verlangen, Wurzelteppiche, die keine Fehler verzeihen. Die Strecke ist für ambitionierte Downhiller gebaut, nicht für Einsteiger. Wer hier fährt, sollte wissen, was er tut.

Das Besondere am Bikepark: Alles ist kombinierbar. Man kann die FLOWline als Warm-up nehmen, dann die PRIMEline für Flow, dann die STYLEline für Spielereien, dann wieder zurück zur SHOREline. Die Strecken sind keine isolierten Lines, sondern ein Netzwerk. Jeder Run kann anders aussehen.

Jumplines, Flowtrails und Naturpfade – in Lenzerheide gibt es alles, was das Biker-Herz begehrt.

Die Trails: Jenseits des Bikeparks

Lenzerheide ist mehr als fünf Bikepark-Strecken. Lenzerheide ist ein Trail-Netzwerk, das sich über Täler, Pässe und Gipfel zieht. Wer nur im Bikepark fährt, sieht die Hälfte nicht.

Das Bike Kingdom: Lenzerheide ist Teil des Bike Kingdom, das größte zusammenhängende Bike-Gebiet der Schweiz. Zusammen mit Arosa und Chur bildet die Region über 900 Kilometer Trails. Von Lenzerheide aus sind beide Nachbar-Regionen gut erreichbar – per Bergbahn, Trail oder kombiniert. Doch Lenzerheide allein bietet bereits genug Trail-Vielfalt für mehrere Bike-Wochen.

The Great White ist das neueste Highlight. Eröffnet 2021, schwarz eingestuft, 2,2 Kilometer lang, 400 Tiefenmeter. Der Trail startet auf 2.578 Metern am Parpaner Weisshorn und schlängelt sich durch eine Steinwüste. Natürliche Elemente wie Rockgardens und technische Passagen kombiniert mit geshaped Anliegern und Sprüngen. Der Trail ist ruppig, verlangt Geschick, aber belohnt mit Flow. Wer es rough mag und sich von kniffligen Stellen nicht aus dem Konzept bringen lässt, findet hier sein Terrain.

Erreichbar ist The Great White über den Weisshorn Speed Lift, ein neuer Sessellift mit modernem Bike-Transportsystem. Keine langen Wartezeiten, direkt hoch, direkt rein in den Trail. Die Investition von 1,8 Millionen Franken in den Masterplan Langsamverkehr 2.0 der Gemeinde Vaz/Obervaz hat sich gelohnt. In sechs Jahren wurden 13 Kilometer neue Trails geschaffen, um Wanderer und Biker zu entflechten. Lenzerheide zeigt, wie Ko-Existenz funktioniert.

Der Great White ist eine alpine Herausforderung.

Der Piz Scalottas ist die andere Seite. Die Westseite, die weniger bekannt ist als die Ostseite mit dem Rothorn. Vom Gipfel auf 2.321 Metern führen flowige Trails über die Alp Fops zur Mittelstation Tgantieni. Der Scalottas Nord Trail von der June Hütte ist relativ neu, flowig, perfekt als Einstieg in die Westside-Tour. Dann der Höhenweg zur Alp Stätz, ein Mix aus Strässchen und Trails, aus Abfahrten und kurzen Anstiegen. Bei der Alp Stätz beginnt die Schlussabfahrt: ein wurzeliger, technischer Trail nach Parpan. S3-Niveau, steil, verblockt, nichts für Anfänger. Aber genau das, was Singletrail-Liebhaber suchen.

Die Besonderheit der Scalottas-Seite: weniger Trubel. Während auf der Rothorn-Seite die Massen unterwegs sind, fährt man hier oft alleine. Die Aussicht ist spektakulär: Piz Ela, Tinzenhorn, Piz Mitgel, das gesamte Hochtal liegt zu Füßen. Und die Trails sind Natur pur, kein Bikepark-Shaping, sondern Trails, die der Topografie folgen.

Am Piz Scalottas gibt es Naturtrails und bombastische Aussicht.

Dark Side of the Moon ist ein weiteres Trail-Highlight in Lenzerheide. Der Trail verbindet verschiedene Sektionen und bietet technische Passagen mit flowigen Abschnitten. Ein Trail für fortgeschrittene Biker, die mehr wollen als nur Bikepark.

Und dann gibt es noch die Furcletta-Tour. Für geübte Alpinisten, 14 Kilometer Singletrail, 1,5 Stunden schieben und tragen laut Erfahrungsberichten. Mit dem E-MTB weniger, aber immer noch anspruchsvoll. Die Tour führt zu einsamen Berggipfeln, wo Murmeltiere die einzigen Zuschauer sind. Atemberaubende Landschaft, absolute Stille, nichts für schwache Nerven. Aber genau das, wofür E-Mountainbikes gebaut wurden.

Der Heidsee: Zentrum und Ruhepol

Mitten zwischen Lenzerheide und Valbella liegt der Heidsee. Klar, ruhig, umgeben von Wäldern und Bergen. Im Sommer wird er bis zu 20 Grad warm, was ihn zum perfekten Abschluss eines Trail-Tages macht. Baden, während die Sonne hinter den Bergen versinkt.

Am Ufer wächst der seltene Sumpfenzian. Im Wasser werden regelmäßig Saiblinge, Elrizen, Bach- und Regenbogenforellen ausgesetzt. Der See ist mehr als nur schön anzusehen, er ist ein funktionierendes Ökosystem.

Rund um den See führt ein Weg, der perfekt für eine entspannte Runde nach dem Trail ist. Nicht zu lang, nicht zu steil, einfach nur schön. Im Winter, wenn der See zufriert, verwandelt er sich in eine natürliche Eisbahn.

Der Heidsee ist das Zentrum Lenzerheides. Alle Wege führen hierher, alle Trails enden hier. Er ist der Ruhepol in einer Region, die sonst vor Energie nur so vibriert.

Gigantische Auswahl im Bike Kingdom.

Einkehr: Von Scalottas bis zur Freeride Bar

Nach einem langen Tag auf dem Trail braucht man mehr als nur Essen. Man braucht einen Ort, der das Erlebnis abrundet.

Das Restaurant Scalottas im Hotel Schweizerhof ist so ein Ort. 16 Punkte Gault Millau, grüner Michelin Stern, zwei Sterne Bio Cuisine. Küchenchef Hansjörg Ladurner verarbeitet ausschließlich regionale, naturnahe Produkte von Bauern und Produzenten, die er persönlich kennt. Terroir als Leidenschaft. Die Speisekarte ist eine kulinarische Reise durch Graubünden. Geöffnet Dienstag bis Samstag, Reservation empfohlen.

Das Bergrestaurant Scharmoin bietet zwei Welten: einen SB-Bereich und ein Grill-Restaurant im Obergeschoss mit Bedienung, ausgewählter Küche und Weinauswahl. Direkt an der Mittelstation, perfekt für eine Pause zwischen den Runs.

Die Freeride Bar oberhalb von Parpan, links vom Sessellift Heimberg, ist ein Geheimtipp. Schöne Sonnenterrasse, lokal hergestellte Köstlichkeiten, bei vielen Einheimischen und Besuchern beliebt. Weniger bekannt als die großen Bergrestaurants, aber genau deswegen besonders.

Die Spescha Bar im Hotel Lenzerhorn am Voa Principala bietet lokalen Genuss in schönster Atmosphäre. Perfekt für den Abend nach einem langen Tag auf den Trails.

Und die June Hütte am Piz Scalottas, bekannt für ihre Maccaronen, ist mehr als nur Einkehr. Sie ist Teil des Erlebnisses. Wer hier einkehrt, sitzt mitten im Trail-Gebiet, umgeben von Gipfeln, mit Blick auf die nächste Abfahrt.

Das Tor ins Bike Kingdom – die Rothorn 1 Bahn direkt am Heidsee.

Geheimtipps: Wo Lenzerheide leise wird

Der beste Geheimtipp in Lenzerheide ist die Westside-Tour über den Piz Scalottas. Während die Massen auf der Rothorn-Seite unterwegs sind, fährt man hier oft alleine. Die Trails sind flowiger als erwartet, die Aussicht spektakulärer als gedacht, die Ruhe wohltuender als erhofft.

Die Route: Mit zwei Bergbahnen hoch zum Piz Scalottas, eine Sonderrunde zur Mittelstation Tgantieni drehen (super Flow!), wieder hoch zum Scalottas, dann der Höhenweg zur Alp Stätz, und schließlich die steile, wurzelige Abfahrt nach Parpan. Im Tal vorbei am Heidsee zurück nach Lenzerheide. Die Tour bietet 1.920 Tiefenmeter pur, traumhafte Aussicht, und kaum Begegnungen.

Ein weiterer Geheimtipp: Der Waldlehrpfad von Lieptgas runter zum Heidsee. Viele Spitzkehren, technisch interessant, wenig frequentiert. Locals kennen ihn, Touristen übersehen ihn.

Und wer früh aufsteht: Die Sonnenaufgangsfahrt auf das Parpaner Rothorn. Die Gondel fährt vor Sonnenaufgang, oben erwartet einen ein 360-Grad-Panorama, während die Sonne die Gipfel in goldenes Licht taucht. Dann hinab über leere Trails, während die Welt noch schläft.

Der Eingang zum Great White. Im Hintergrund: das Parpaner Rothorn.

Die Bike Kingdom App: Der digitale Trail-Buddy

Lenzerheide hat eine eigene App. Die Bike Kingdom App ist mehr als nur eine Karte. Sie ist ein digitales Spielfeld, das den Berg mit der virtuellen Welt verbindet.

Live-Informationen zu Wetter, geöffneten Liften, Trail-Bedingungen. GPS-Navigation zu allen Trails und Touren. Challenges, um sich mit Freunden zu messen. Strava-Integration für Leaderboards. News, Webcams, Tipps.

Die App macht den Berg transparent. Man sieht, wo man ist, wo man hin kann, was offen ist, was geschlossen ist. Keine Überraschungen mehr, keine verlorene Zeit.

Und für die Ehrgeizigen: Die App verwandelt jeden Trail in einen Wettbewerb. Wer ist schneller? Wer fährt mehr? Wer sammelt mehr Challenges? Der Berg wird zum Spielfeld, die Trails zu Levels, die Runs zu Achievements.

Lenzerheide für E-Mountainbiker

Lenzerheide ist perfekt für E-Mountainbiker, die beides wollen: Bikepark und Natur, Geschwindigkeit und Erkundung, Jump Lines und Trails.

Lenzerheide ist kein Ort für eine Zielgruppe. Lenzerheide ist ein Ort für alle. Familien fahren die FLOWline, Downhill-Cracks die Weltcup-Strecke, E-Mountainbiker die Furcletta-Tour, Genuss-Biker die Scalottas-Trails. Jeder findet seine Linie, jeder findet seinen Flow.

Und am Abend, wenn man am Heidsee sitzt, die Beine müde, die Arme schwer, die Gesichter lächelnd, versteht man, warum Lenzerheide begeistert. Nicht, weil es das größte ist. Sondern weil es das vollständigste ist. Bikepark und Bergwelt, Weltcup und Weitblick, Geschwindigkeit und Genuss. Alles an einem Ort.

Lenzerheide ist ein super Ausgangspunkt um mit den Trail-Buddies ein außergewöhnliche Wochenende zu erleben.

Die Fakten

Anreise:

  • RhB (Rhätische Bahn) von Chur nach Lenzerheide
  • Auto: Parkmöglichkeiten in Lenzerheide vorhanden

Bergbahnen:

  • Rothorn 1 & 2 (bis 2.865 m Parpaner Rothorn)
  • Weisshorn Speed Lift (bis 2.578 m)
  • Scalottas Sessellift (bis 2.321 m Piz Scalottas)
  • Weitere Bahnen: Scharmoin, Tgantieni

Bikepark-Strecken:

  • FLOWline: 2,6km, blau, Flow für alle
  • PRIMEline: rot, technisch, kombinierbar
  • SHOREline: rot, North-Shore-Elemente, kombinierbar
  • STYLEline: schwarz, Drops, Tables, Spielereien
  • STRAIGHTline: schwarz, Weltcup-Strecke, hochanspruchsvoll

Trails:

  • The Great White: 2,2km, 400hm, schwarz, Steinwüste am Weisshorn
  • Dark Side of the Moon: technisch, flowige Abschnitte
  • Piz Scalottas Trails: flowige Westside, weniger Trubel
  • Scalottas Nord: neuer Flow-Trail von June Hütte
  • Westside-Tour 612: 1.920hm Abfahrt, Höhenweg Alp Stätz
  • Furcletta-Tour: 14km, hochalpin, für Alpinisten
  • Urdenfürggli Twister: technischer Trail
  • Top Fops: Flow-Trail vom Scalottas

Einkehr:

  • Restaurant Scalottas: 16 Punkte Gault Millau, grüner Michelin Stern, Bio Cuisine
  • Bergrestaurant Scharmoin: SB-Bereich + Grill-Restaurant
  • Freeride Bar: Geheimtipp oberhalb Parpan, Sonnenterrasse
  • Spescha Bar: Hotel Lenzerhorn, lokaler Genuss
  • June Hütte: am Piz Scalottas, bekannt für Maccaronen

Highlights:

  • Teil des BikeKingdom (größtes zusammenhängendes Bike-Gebiet der Schweiz)
  • ZweiBergseiten: Rothorn (Bikepark) und Scalottas (Naturtrails)
  • 5Bikepark-Strecken + hunderte Kilometer Naturtrails in der Region
  • Skill Centerbei Rothorn Talstation: für Einsteiger und Kinder
  • Heidsee: bis20°C warm im Sommer, perfekt nach dem Trail, Zentrum der Region
  • Bike Kingdom App: digitalesErlebnis + echte Trails - Live-Daten, GPS-Navigation, Challenges
  • Weltcup-Strecken:UCI World Cup, Weltmeisterschaften
  • MasterplanLangsamverkehr 2.0: Trail-Entflechtung Wanderer und Biker ko-existieren, 13 kmneue Trails, 1,8 Mio. Franken

Best for:

  • Bikepark-Enthusiasten (5 Strecken, alle Schwierigkeiten)
  • E-Mountainbiker (Bergbahnen erschließen alles, Uphill-Trails erweitern das Spektrum)
  • Trail-Explorer (Westside, Scalottas, The Great White)
  • Genuss-Biker (Gault-Millau-Restaurant, Bergkulinarik)
  • Familien (FLOWline, Skill Center, Heidsee)
08.05.2026
Text: Maxi Dickerhoff
Fotos: Bengt Stiller, Markus Greber